Projekt "Musik nach der Flucht" an der FES


Lockerungsübungen vor den Proben mit den Instrumenten zeigen, welche Anstrengungen Musiker aufbringen müssen.

Der Link zum Projekt auf leonarde-award.de Dort werden der Projektverlauf dokumentiert und Bilder und Videos hinterlegt:

 

Leonardo - Award 2016

 

Das Projekt "Musik nach der Flucht" bringt junge, geflüchtete Menschen aus drei verschiedenen Klassen zu einem gemeinsamen Zweck zusammen: Miteinander Musik zu machen! & Gemeinsam einen Song zu texten bzw. zu komponieren und diesen dann live spielen zu können.

Die drei Flüchtlings-Klassen à 20 Schülerinnen und Schüler werden seit April 2016 (teilweise auch seit einem späteren Zeitpunkt) an der Friedrich-Ebert-Schule in Wiesbaden beschult. Demnach sind die jungen Menschen erst seit kurzer Zeit mit den neuen Gegebenheiten ihres aktuellen Zuhauses Wiesbaden konfrontiert und stehen auch, was das Erlernen der deutschen Sprache angeht, erst am Anfang.

Im regulären Deutschunterricht zeigte sich jedoch auch, dass einige Schülerinnen und Schüler musikbegeistert sind. Sie hören gerne Musik. Aus diesem Grund wurde die Idee von Lehrer Jörg Christiani geboren, die musikinteressierten Schülerinnen und Schüler zusammenzubringen. Eine Flyer-Aktion nebst Beschreibung der Projektidee im Unterricht sowie die Erläuterung des gerade laufenden Leonard Awards sorgten dafür, dass sich am Mittwoch vor den Herbstferien (12.10.2016) ca. 14 interessierte Schülerinnen und Schüler versammelten. Nochmals wurde die Idee, ein Musik-Projekt anzustoßen, erläutert und tatsächlich Motivation bzw. Interesse bei den Schülerinnen und Schülern geweckt.

Die Friedrich-Ebert-Schule ist eine gewerblich-technische berufliche Schule ohne musischen Schwerpunkt. Musikalisch-künstlerische Projekte finden trotzdem aufgrund von Eigeninitiative seitens der Lehrerschaft und auch aufgrund des Ausbildungsberufes „Fachkraft für Veranstaltungstechnik“ regelmäßig statt.

Seit November 2016 trifft sich nun regelmäßig ein Kern von ca. 10 Schülerinnen und Schülern immer mittwochs von 11.00 bis 12.30 Uhr in einem ehemaligen Chemieraum, der zu einem Musikraum umfunktioniert wurde. Zur Verfügung stehen Instrumente der Schulband, gespendete Instrumente sowie eigens für das Musikprojekt angeschaffte und durch den Förderverein der Schule finanzierte Starter-Instrumenten-Sets. Keine(r ) der Schülerinnen und Schüler hat bisher ein Instrument gespielt. Lediglich zwei Schüler konnten eine Melodie auf dem Klavier spielen, die nun als Ausgangspunkt allen Schaffens fungiert. Mittlerweile erhält Lehrer Christiani tatkräftige Unterstützung von seinem Kollegen Charly Mutschler, sofern dieser aufgrund seiner eigenen schulalltäglichen Aktivitäten verfügbar ist.

Gemeinsam möchte das Lehrerteam Christiani/Mutschler es diesen jungen Schülerinnen und Schülern nun ermöglichen, sich für ein paar Stunden wöchentlich in der Welt der Musik zu verlieren, in einen kreativen Freiraum abzutauchen und dabei nebenbei zu lernen, was es heißt, eine Sache gemeinsam durchzuziehen und miteinander zu kommunizieren. Auf Deutsch und über die Sprache der Musik, die über Landes- und Kulturgrenzen hinweg verstanden werden kann.

 

Die besonderen Herausforderungen dieses Projekts in zusammengefasster Form:

-die Schülerinnen und Schüler besitzen keine musikalischen Vorkenntnisse und Deutschkenntnisse im Anfängerstadium

-die zeitliche und räumliche Planung erfordert ständige Koordination, Kommunikation und Disziplin

-es stehen nur 2 Stunden wöchentlich zur Verfügung (abzüglich der Schulferien)

-die Schülerinnen und Schüler können nicht zu Hause üben

-die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrer meistern dieses Projekt inmitten des regulären Stundenplans, da vor und nach der Musikprobe regulärer Unterricht stattfindet.

Die regelmäßig teilnehmenden 10 Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlicher Herkunft (Somalia, Afghanistan, Syrien) können durch dieses Projekt vieles lernen und erfahren. Möglich ist z.B. ein wachsendes Gemeinschaftsgefühl, welches in der Lage ist, die Grenzen von Klassenzugehörigkeit, Nationalität und Geschlecht zu verwischen. Ebenso ist eine Zunahme des individuellen Selbstbewusstseins denkbar, wenn man sich zudem vorstellt, was ein musikalischer Auftritt vor Publikum in der Schule und/oder in der Öffentlichkeit für die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler in Bezug auf ihre Selbstwirksamkeit bedeuten könnte. Ebenso lernen die Schülerinnen und Schüler, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, da jedes Projektmitglied eine tragende Rolle spielt und somit auch pünktliches Erscheinen zu den Probeterminen oder auch rechtzeitiges Absagen wichtig sind. Und zu guter Letzt lernen die Schülerinnen und Schüler spielerisch, sich und ihre Gefühle mittels Musik und Text (sogar auf Deutsch) auszudrücken bzw. zu kommunizieren. Abschließend bleibt die vielleicht letzte, zu nennende, Erfahrung: Das Leben kann auch Spaß machen und es tut gut, wenn man gemeinsam lacht! Und am liebsten mit Musik!

 

Vorentscheid für den diesjährigen Leonardo-Award


Foto: Ivgenia Moebus Photography

Am Samstag, den 06.05.2017 fand der Vorentscheid für den diesjährigen Leonardo-Award statt.

Um 09.30 Uhr trafen sich die Schülerinnen und Schüler des InteA Musikprojekts mit ihren Lehrern Charly Mutschler und Jörg Christiani auf dem Parkplatz der Friedrich-Ebert-Schule, um das Equipment für den bevorstehenden Auftritt einzuladen. Voll beladen fuhren sie mit 2 PKW zur Leibnizschule, wo die Anhörung vor der Jury stattfinden sollte. Bei der Ankunft in der Aula staunten die Schülerinnen und Schüler nicht schlecht über die „riesengroße Bühne“ im schönen Aulagebäude der Schule. Nun fingen sie an zu realisieren, was da auf sie zukommen würde. Die Aufregung stieg. Aufbau und Soundcheck wurden mit der freundlichen Unterstützung der Techniker und des Leonardo-Orga-Teams erfolgreich bewältigt, so dass gegen 11 Uhr eine Probe stattfinden konnte. Dabei wurde auch das Problem gelöst, dass plötzlich der E-Bass nicht mehr funktionierte. Ein freundlicher Lehrerkollege einer anderen Schule stellte seinen Bass spontan zur Verfügung. Nun musste man die Zeit bis zum Auftritt um 16.00 Uhr überbrücken, ohne dass die Aufregung größer wurde. Die Schülerinnen und Schüler schauten gespannt bei den Proben der anderen ProjektteilnehmerInnen zu. Beim anschließenden gemeinsamen Spaghetti-Essen und Kaffeetrinken im zufällig nahe gelegenen Zuhause eines Lehrers gab es viele schöne Momente, gute Gespräche und viel zu lachen, so dass die Zeit bis 15.45 Uhr wie im Flug verging. In Windeseile machte man sich wieder auf den Weg in Richtung Bühne und um 16 Uhr war es dann endlich so weit. Nun konnte man der Jury stolz präsentieren, was seit Oktober/November 2016 gereift war. Unter schwierigen Umständen: Nur 1,5 Stunden proben pro Woche, abzüglich Ferien, abzüglich Zeiten der Sorge & Angst vor drohender Abschiebung nach Afghanistan und ohne jegliche Möglichkeit, zu Hause zu üben!

Hatten die Schülerinnen und Schüler zu Beginn keinerlei Vorkenntnisse, wie man irgendeines der Instrumente bedienen sollte und noch nicht einmal eine Ahnung davon, was ein Vier-Viertel-Takt ist oder was das Wort „Takt“ überhaupt bedeutete, so stand nun der große Moment unmittelbar bevor. Eine Reihe von Premieren: Der erste eigene Song, das erste Mal auf einer (und auch noch so professionellen) Bühne, das erste Mal vor Publikum – der erste Auftritt überhaupt. Davon gibt es hier einen Live-Mitschnitt. Ein gelungener Auftritt! Am frühen Abend, auf dem Weg zum Ausladen zurück in die Schule meinte ein Schüler: „Ich bin nun 1 Jahr und sieben Monate in Deutschland. Dieser Tag war einer der schönsten überhaupt!“

 

Nun heißt es Daumen drücken. Anfang Juni erfahren die Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer, ob sie im Juni zur Preisverleihung und damit zur großen Leonardo-Abschlussgala im Staatstheater Wiesbaden eingeladen werden.

 

Text: Jörg Christiani Bild: Ivgenia Moebus Photography, www.ivgenia-moebus-photography.com